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Friedrich Kollenrott:

Die Schneide von Hobeln und Stecheisen

1. Was ist eine Schneide?

1.1 Schneiden an Hobel- und Stecheisen

Hobel und Stecheisen sind neben der Säge die wichtigsten Schneidwerkzeuge zur Holzbearbeitung von Hand. Wer sie benutzen will, muss sie auch schärfen. Wer schärft, sollte wissen, wie eine frisch geschärfte Schneide aussehen soll. Und das wiederum ergibt sich ganz logisch aus der Art, wie sie arbeitet.

Schneiden Skizze 1: Schneiden an Stecheisen (links) und Hobeleisen, Prinzip des Schärfens


Sehen wir uns ein Stecheisen und ein Hobeleisen an (Skizze 1): Bei beiden Werkzeugen befindet sich die Schneide dort, wo zwei Flächen zusammentreffen: Die lange, flache Spiegelseite (die während der Lebensdauer des Werkzeuges erhalten bleibt, nur beim Schärfen immer etwas kürzer wird) und die kurze Fase, die beim Schärfen immer neu angeschliffen wird, um eine neue, frische Schneide zu erhalten.

Für die Holzbearbeitung braucht man eine gerade, glatte Schneide. Schneiden mit Wellenschliff (Brotmesser) und raue Schneiden (Fleischermesser, mit dem Stahl gewetzt) sind hier unbrauchbar. Der Schärfvorgang vollzieht sich darum immer in (mindestens) zwei Schritten: Zunächst werden die Beschädigungen und Verschleissmarken entfernt, die Schneide erhält wieder eine korrekte geometrische Form. Dazu muss an der Fase eine (sehr) kleine Menge Stahl abgeschliffen werden. Das schafft man in akzeptabler Zeit nur mit einem groben Schleifstein. Anschließend ist es erforderlich, die Flächen an der Schneide wieder zu glätten, weil der grobe Stein eine zu raue Oberfläche hinterlassen hat. Dazu nimmt man einen feinen Stein, der Vorgang nennt sich traditionell "Abziehen". Im Englischen heisst es "honing" und das ist ein besseres Wort, denn in der Terminologie der Fertigungsverfahren ist es auch auf Deutsch eindeutig ein Honvorgang.

Für das Verständnis der Funktion der Schneiden braucht man ein ganz klein wenig Theorie, und es ist auch nützlich, die fachgerechten Bezeichnungen zu kennen und anzuwenden. Wenn man von den Eisen nur die Schneide selbst und den direkt angrenzenden Bereich der beiden Flächen betrachtet, dann sieht man an beiden Eisen den gleichen spitzwinkligen Schneidkeil. Die Schneide ist die Schnittgerade der beiden Flächen. Der Winkel zwischen den Flächen ist der Keilwinkel der Schneide, er wird mit dem griechischen Buchstaben β (Beta) bezeichnet (Skizze 2).

Schneidkeil Skizze 2: Schneidkeil mit Keilwinkel


1.2 Welche Eigenschaften hat eine Schneide?

    Die Schneide

  • ist "scharf" (trennt also das Holz mit geringem Kraftaufwand), wenn zwei glatte Flächen sich wirklich scharfkantig treffen und der in der Praxis nie ganz vermeidbare Verrundungsradius wirklich sehr, sehr klein ist (man kann dann die Schneide auch bei guter Beleuchtung und mit einer Lupe nicht sehen).
  • ist gerade, wenn die beiden Flächen, von denen sie gebildet wird, exakte Ebenen (plan) sind
  • schneidet leichter (ist aber auch empfindlicher), wenn der Keilwinkel klein ist, schneidet schwerer aber ist auch robuster bei einem großen Keilwinkel.
  • erzeugt eine saubere Schnittfläche, wenn sie durchgehend glatt und frei von Beschädigungen ist. Beschädigungen entstehen im Gebrauch, sind aber u. U. auch schon an einer frisch geschärften Schneide vorhanden und insbesondere die zwangläufige Folge von Riefen, Poren und anderen Fehlern der Spiegelseite (die ja nicht beim nächsten Schärfen wie ähnliche Fehler auf der Fase entfernt werden!).

Scharte Skizze 3: Entstehung von Scharten durch Beschädigung der Schneide selbst oder durch eine Riefe auf einer der Flächen


2. Die Hobelschneide

2.1 Schnittvorgang am Hobel

Am Hobel liegen ganz ähnliche Verhältnisse vor wie auch bei der maschinellen Metallbearbeitung, bei der eine Maschine eine Werkzeugschneide führt, und deswegen lassen sich die dort üblichen Bezeichnungen und Betrachtungsweisen weitgehend übernehmen. Die Hobelschneide wird (durch die Hobelsohle geführt) geradlinig durch den Werkstoff bewegt und hebt einen Span ab. An der folgenden Skizze werden erst einmal die Winkel und Bezeichnungen an der Werkzeugschneide vervollständigt:

Bezeichnungen Skizze 4: Komplette Bezeichnungen an der Hobelschneide


Man sieht den Schneidkeil des Hobeleisens mit dem Keilwinkel β und der Schneide. Das Hobeleisen wird nach links in der eingezeichneten (durch die Hobelsohle vorgegebenen) Schneidrichtung bewegt Diese Schneidrichtung bestimmt auch die Lage der geschnittenen (hier: gehobelten) Fläche.

Der Schneidkeil berührt die geschnittene Fläche nur mit der Schneide selbst. Die untere Fläche des Schneidkeiles läuft frei über diese Fläche und heißt darum Freifläche. Zwischen der Freifläche der Schneide und der Schneidrichtung liegt der Freiwinkel α (Alpha), zwischen der Spanfläche und einer gedachten Senkrechten auf die Schnittrichtung der Spanwinkel γ (Gamma). Alle Winkel zusammen bilden einen rechten Winkel: a + ß + y = 90°. Für die Kennzeichnung der geometrischen Verhältnisse an Handhobeln wird meist nicht der Spanwinkel, sondern der Schnittwinkel δ (1) (Delta) benutzt: Das ist der Winkel zwischen der Spanfläche und der Hobelsohle, also die Summe aus Freiwinkel α und Keilwinkel β.

Beim Hobelvorgang wird von der Schneide ein Span mit der Spandicke s abgetrennt und nach oben umgelenkt, wobei er ein kleines Stück auf der Spanfläche (daher der Name!) gleitet. Die für den Schneidvorgang benötigte Kraft hängt von der Schärfe der Schneide und dem Keilwinkel (je kleiner, desto leichtgängiger) ab. Für das Umlenken des Spans und die Überwindung der Reibung zwischen Span und Spanfläche braucht man umso mehr Kraft, je dicker der Span ist und je größer der Schnittwinkel ist. Und ganz wichtig ist: Nur wenn ein Freiwinkel vorhanden ist, kann der Hobel überhaupt schneiden!

Spanbildung Skizze 5: Spanbildung am Hobeleisen


Da die Freifläche hier überhaupt nicht am Zerspanungsprozess teilnimmt und der Span nur eine ganz kurze Strecke (bei einem dünnen Span wenige Zehntel Millimeter) auf der Spanfläche gleitet, bestimmt offenbar nur die Geometrie unmittelbar vorn an der Schneide selbst ( und dazu die Beschaffenheit der Schneide) das Zerspanungsverhalten. Die Dicke des Hobeleisens (die bei neueren Konstruktionen deutlich größer ist als bei alten) wird nur dazu gebraucht, die Schneide selbst möglichst starr und schwingungsarm zu stützen und zu führen.

2.2 Einfluss verschiedener Formen der Fase am Hobeleisen

Wenn nur der Keilwinkel vorne an der Schneide für das Verhalten entscheidend ist, dann ist daraus zu schließen: Es kann nicht von großer Bedeutung sein, welche geometrische Gestalt der Schneidkeil weiter "hinten" (wo er dicker ist) hat-solange er seine Stützfunktion erfüllt und ein Freiwinkel sichergestellt ist.

Die Form der Fase,die man zunächst einmal erwartet, ist die plane Fläche (in der Seitenansicht ist die Fase dann gerade, s. Skizze 6). Leider ist die Herstellung dieser Fasenform gar nicht einfach, so dass man fragen darf: Muss die Fase denn gerade sein? Die Antwort ist: Eindeutig nein.

Die möglichen Formen der Fase zeigt die nächste Skizze. Bitte beachten: Es wird davon ausgegangen, dass in allen Fällen der gleiche Keilwinkel β vorne an der Schneide vorliegt (2).

Faseformen Skizze 6: Formen der Fase


Die gerade Fase ist sozusagen die Idealform. Herstellen kann man sie genau genommen nur auf einer Maschine mit Topfscheibe oder auf einem flachen Stein (bzw. auf Schleifpapier, das auf eine plane Fläche geklebt ist) unter Zuhilfenahme einer Schleifführung. Freihändig höchstens dann, wenn das Eisen sehr dick ist.

Die ballige (konvexe) Fase entsteht ganz automatisch bei jedem freihändigen Schärfen auf einem flachen Stein. (Wer freihändig eine wirklich absolut gerade Fase an einem Eisen normaler Dicke schleifen kann, soll sich bitte melden). Die gute Nachricht: Es sieht zwar nicht wirklich gut aus, ist aber völlig in Ordnung. Wichtig ist der Keilwinkel an der Schneide. Wenn dahinter die Fase etwas ballig ist- soll sie doch! Bei einer extremen Balligkeit könnte die Steifigkeit der Schneide gegenüber der geraden Schneide deutlich beeinträchtigt sein. Bei geringen Balligkeiten, wie sie unfreiwillig entstehen, besteht diese Gefahr nicht.

Die hohle (konkave) Fase entsteht durch Schleifen auf dem Umfang einer (hoffentlich wassergekühlten) Schleifscheibe. Wenn man mit einer geeigneten Scheibe auch so abziehen kann, ist auch die gebrauchsfertige Fase hohl. Schadet das? Auch hier zählt zunächst einmal der Keilwinkel an der Schneide. Wenn der richtig ist und auch ein Freiwinkel da ist, wird ein Hobeleisen mit Hohlschliff völlig normal funktionieren.

Die doppelte Fase ist besonders interessant. Die vorgeschliffene Fase wird hier nur in Bereich der Schneide abgezogen. Das Schleifen erfolgt also mit einem kleineren Keilwinkel (nur wenig kleiner, damit die Schneide nicht geschwächt wird!), das Abziehen in dem gewünschten Winkel. Der große Vorteil: Man versucht gar nicht erst, die Fase auf ganzer Breite abzuziehen, sondern beschränkt sich auf eine ganz schmale Zone an der Schneide und ist so schon nach wenigen Strichen fertig. Es gibt Schleifführungen, die das Einstellen einer zweiten Fase ermöglichen, und sehr gut geht es auch freihändig. Die Zeitersparnis ist frappierend, das Ergebnis absolut vollwertig!

2.3 Wie groß soll der Keilwinkel am Hobeleisen sein?

Die Geometrie der Schneide wird beim Schärfen festgelegt, da sollte man also keine groben Fehler machen.

An der Hobelschneide muss -wie auch immer die anderen Daten aussehen- ein Freiwinkel vorhanden sein, seine Größe ist aber nicht kritisch. Für die Charakteristik des Hobels ist vor allem entscheidend, wie gross der Schnittwinkel δ ist: Ein kleiner Schnittwinkel von etwa 40° bis 45° bewirkt, dass der Span nur wenig umgelenkt wird, leicht fließt und damit wenig Kraft gebraucht wird. Bei einem großen Schnittwinkel steht das Eisen steiler, der Span wird stark umgelenkt und auch gestaucht. Der Vorteil dabei ist, dass damit die Tendenz zum Einreißen (beim Hobeln gegen die Fasern) geringer wird, ein großer Schnittwinkel (etwa 50°, in Sonderfällen noch mehr) wird darum bei Putzhobeln bevorzugt und dafür ein größerer Kraftaufwand in Kauf genommen.

Um zu sehen, ob und wie wie sich der am Eisen angeschliffene Keilwinkel auf den Schnittwinkel auswirkt, muss man unterscheiden werden zwischen einer Anordnung des Eisens mit der Fase nach unten (das ist die häufigere, klassische) und mit Fase nach oben (in eisernen Flachwinkelhobeln gebräuchlich).

Fase unten - Fase oben Skizze 7: Einbau des Hobeleisens mit Fase unten und Fase oben


  1. Fase unten, Spiegelseite oben
    Der Schnittwinkel ist unveränderlich durch den Neigungswinkel des Bettes, auf dem das Eisen liegt, vorgegeben, also ein Konstruktionsmerkmal des Hobels selbst. Der Keilwinkel hat Einfluss auf den Kraftbedarf -ein kleiner Keilwinkel ergibt auch am Hobel einen leichteren Schnitt, aber eine empfindliche Schneide. Üblich und richtig ist ein Keilwinkel β = 25° bis 30°. Wo der leichte Lauf des Hobels weniger wichtig ist als die Widerstandsfähigkeit der Schneide (etwa bei Nuthobeln) geht man mit dem Keilwinkel auch höher, bis etwa 35°.
  2. Fase oben, Spiegelseite unten
    Bei dieser Anordnung verändert eine Korrektur des Keilwinkels den die Funktion stark beeinflussenden Schnittwinkel δ. Dagegen ist der Freiwinkel durch die Bettung des Eisens vorgegeben. Flachwinkelhobel können also durch einen kleineren Keilwinkel für kleine Schnittkräfte, mit einem größeren Keilwinkel für sauberes "Putzen" auch bei problematischen Faserverläufen optimiert werden. Ein Nachteil ist, dass eine Klappe (oder Spanbrecher) nicht eingesetzt werden kann (Näheres unter 2.5). Tendenziell kann man den Keilwinkel deutlich größer wählen als beim Hobel mit Fase unten: Bei einer Bettung des Eisens unter 12° (typisch für moderne Flachwinkelhobel) und einem Keilwinkel von 30° erhält man einen Schnittwinkel von 42° - das ist immer noch weniger als die bei traditionellen Bankhobeln üblichen 45°. Der Keilwinkel am Eisen sollte für Hobel mit so flachem Winkel des Bettes normalerweise also etwa 30° bis 35°betragen.
  3. mit zwei Fasen?
    Es ist möglich, an einem Hobel mit "Fase unten" am Eisen oben eine zweite Fase (mit einem Winkel von etwa 5° bis 15° gegenüber der Spiegelseite) anzuschleifen, die dann die Spanfläche bildet. Der Schnittwinkel kann so größer als der Bettungswinkel des Eisens gemacht werden . Allerdings muss man auf die Funktion des Spanbrechers verzichten, und es entfällt die ebene Spiegelseite als geometrischer Bezug. Also nicht ganz einfach, aber wer sich dafür interessiert, kann ja mal ein Eisen so anschleifen und ausprobieren.

2.4 Ziehender Schnitt

Haben Sie schon mal versucht, ein Brötchen durchzuschneiden, indem Sie das Messer einfach durch das arme Ding hindurchdrücken? Natürlich nicht! Jeder Mensch mit Gefühl bewegt das Messer dabei ganz vorsichtig hin und her (siehe Skizze) und siehe da: Das Brötchen wird sauber durchgeschnitten und weder zerfetzt noch plattgedrückt.

Ziehender Schnitt Skizze 8: Ziehender Schnitt (hier mal beim Schneiden eines Brötchens)


Wenn man den Vorgang analysiert, stellt man fest: Das Messer ist nicht rechtwinklig zur Schneide in das Schnittgut gedrückt worden, sondern schräg. Dadurch erhält man einen glatten Schnitt auch bei Werkstoffen, die nicht "stehen". Geht das bei Holz auch? Natürlich! Versuchen Sie es mal mit Ihrem Putzhobel: Man kann ihn bei schwierigen Faserverläufen schräg über eine Fläche führen- das Ergebnis ist oft verblüffend. Und er schneidet, schräg geführt, sogar dann noch ganz gut, wenn er eigentlich nicht mehr richtig scharf ist.

Ziehender Schnitt mit Putzhobel Skizze 9: Ziehender Schnitt mit Putzhobel


Nun ist das Schrägführen eines (eigentlich für gerade Führung gedachten) Hobels nur ein netter Trick. Bei vielen Werkzeugen geht das auch gar nicht - einen Simshobel beispielsweise kann man naturgemäß nicht schrägstellen, wenn er seiner Bestimmung gemäß einen Falz o.ä. hobelt. Deshalb gibt es Sims-, Falz- und Nuthobel, die ein schräg eingebautes Eisen haben. Die meisten dieser Hobel sind allerdings nur noch gebraucht erhältlich. Unter den derzeit neu produzierten Hobeln bieten meines Wissens nur ein Block- Simshobel und ein Wangenhobel zum rechtwinkligen Abrichten (beides Edelteile von Lie- Nielsen) dieses Prinzip an. Man muss auch sagen: ganz ohne Nachteil ist der ziehende Schnitt nicht: Es tritt eine Kraft auf, die die Schneide quer abzudrängen versucht. Ziehender Schnitt funktioniert darum vor allem dann gut, wenn die Spandicke gering und damit die Schnittkraft klein ist. Ein Hinweis noch zum Keilwinkel: Der ist in der Ebene wirksam, in der die Schnittrichtung liegt. Senkrecht zur Schneide (d. h. in einer Ansicht entsprechend Skizze 3 rechts) können daher Werkzeuge für ziehenden Schnitt einen deutlich größeren Keilwinkel aufweisen.

2.5 Spanbrecher und Hobelmaul

Jeder, der sich schon einmal mit Hobeln beschäftigt hat, kennt den "Doppelhobel". Das ist schon eine merkwürdige Bezeichnung. Gemeint ist: Ein Hobel, auf dessen Eisen ein Spanbrecher ("Klappe") aufgesetzt ist.

Hobeleisen mit Klappe Skizze 10: Hobeleisen mit Spanbrecher (Klappe) gezeichnet mit Spielgelseite oben


Der Span wird allerdings gar nicht gebrochen, auch diese Bezeichnung ist also mit Nachsicht zu verwenden. (sie ist aus der Metallbearbeitung übernommen, dort kann der Span wirklich gebrochen werden). Der hölzerne Span wird vielmehr gestaucht, indem der Spanbrecher dort eine Stufe bildet, wo der Span auf der Spanfläche gleiten will. Dadurch wird das Fließen des Spanes behindert, und der Neigung des Holzes, beim Hobeln gegen die Holzfasern bis in die Tiefe aufzuspalten und so einzureißen, entgegengewirkt. Leider werden auch die Schnittkräfte höher, der Hobel läuft nicht mehr so leicht. Ob der Spanbrecher überhaupt eine Wirkung gehabt hat, kann man am Span erkennen: Wenn er glatt wie ein Blatt Papier ist, ist er einfach über den Spanbrecher hinweggelaufen, und der hat somit keinen Einfluss (auf Einreissneigung und Schnittkraft) gehabt. Ein am Spanbrecher gestauchter Span sieht gekräuselt aus, und dafür muss der Spanbrecher bei dünnen Spänen schon sehr, sehr eng an der Schneide stehen. Wichtig ist in jedem Fall, dass der Spanbrecher völlig fugenlos auf der Spiegelseite aufliegt, sonst klemmen sich Späne dazwischen. Der Spanbrecher muss also auf seiner Unterseite sauber plangeschliffen sein- am besten mit einer leichten Neigung, so dass der Spalt zwischen Spanbrecher und Spanfläche sich genau vorne schließt (s.Skizze).

Paßgenauer Sitz Skizze 11: Passgenauer Sitz der Klappe


Das Anbringen eines Spanbrechers ist einfach, wenn die Spiegelseite die Spanfläche bildet (also Einbau des Eisens mit Fase unten). Der Spanbrecher wird vorsichtig bis dicht an die Schneide herangeschoben und festgeschraubt. Bei Flachwinkelhobeln mit der nach oben angeordneten Fase müsste ein Spanbrecher auf der Fase positioniert werden- schon denkbar, aber sicher recht schwierig und deshalb nicht üblich.

Eine weitere Maßnahme, das Einreißen des Holzes zu verhindern, hat zwar nichts mit der Schneide zu tun, aber sie soll hier erwähnt werden. Wenn man sich den Vorgang als Spalten in die Tiefe hinein (beim Hobeln gegen die Holzfasern) vorstellt, dann ist klar: Dazu muss der Span schon deutlich vor dem Eisen hochkommen. Daran kann man ihn hindern, indem man das Holz bis unmittelbar vor dem Eisen (das heißt: bis wenige Zehntel Millimeter davor!) herunterdrückt hält. Das macht die Hobelsohle sehr gut, wenn sie wirklich eben ist und das Hobelmaul entsprechend eng eingestellt wird.

Es gibt die interessante Theorie, dass die Klappe (gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfunden) nur hilfreich war, weil man das das Hobelmaul an den damaligen Hobeln nicht so eng einstellen konnte wie das heute insbesondere bei eisernen Hobel hoher Präzision möglich ist. Ein extrem enges Maul mache, so heißt es, die Klappe überflüssig. Tatsächlich gibt es Flachwinkel- Putzhobel, die mit der Fase nach oben, ohne Klappe aber mit präzise einstellbarem Maul arbeiten, und sie gelten als sehr gut. Ob sie in allen Fällen einem sehr genau eingestellten Hobel mit Doppeleisen wirklich mindestens gleichwertig sind, kann ich persönlich mangels einschlägiger Erfahrung nicht beurteilen.

2.6 Hohle Spiegelseite

Bei japanischen Hobeleisen (3) findet sich eine auf den ersten Blick merkwürdige Besonderheit: Die Spiegelseite ist gar nicht flach, vielmehr weist sie eine flache Höhlung auf. Die für die Funktion erforderliche Planfläche ist nur als schmaler Rand (die "Ura") vorhanden. (s. Skizze).

Japanisches Hobeleisen Skizze 12: Japanisches Hobeleisen mit hohler Spiegelseite


Das hat einen großen Vorteil: Beim planen Abziehen der Spiegelseite muss nur wenig Material abgeschliffen werden, außerdem können gröbere Schleifkörner, die sich auf den Abziehstein verirrt haben, ausweichen. Das Abziehen der Spiegelseite geht darum trotz des extrem harten Plattierungsstahles annehmbar schnell und der gewünschte fast polierte Zustand ist viel leichter zu erreichen. Nachteilig ist, dass, wenn die Klinge durch wiederholtes Abschleifen der Fase kürzer wird, durch ein gezieltes Abschleifen der Spiegelseite dafür gesorgt werden muss, dass die sehr flache Höhlung auch entsprechend kürzer wird. Toshio Odate beschreibt in seinem Buch (4) , dass man die Höhlung, wenn sie verschwunden ist, wieder in das Eisen hereinklopfen kann.

2.7 Konvex gekrümmte Schneide

Das ist noch ein interessantes Detail: Die Schneiden aller Hobel, die eine ebene Fläche bearbeiten (und nicht etwa ein Profil erzeugen) sollen, erscheinen normalerweise als gerade. Aber nicht bei allen Hobeln, wie als Gegenbeispiel ein Schrupphobel zeigt: Seine Sohle ist plan, aber die Schneide des Eisens deutlich gekrümmt (gerade Spiegelseite, bogenförmige Fase). Das macht man so, damit bei den dicken Spänen, für die ein Schrupphobel gedacht ist, keine häßlichen eingerissenen Kanten, sondern ansehnliche saubere Oberflächenstrukturen entstehen.

Schrupphobeleisen mit damit gehobelter Fläche Skizze 13: Eisen eines Schrupphobels, damit gehobelte Oberfläche


Für einen Putzhobel, der ganz feine Späne abnehmen können soll, ist ein Eisen mit so stark gekrümmter Schneide natürlich nicht brauchbar. Eine interessante Variante ist es aber, das Eisen eines Putzhobels ganz minimal bogenförmig abzuziehen. Die Abweichung von der Geraden soll in der Größenordnung von Hundertstel Millimetern liegen, Zehntel sind schon zu viel! Das passiert ganz von allein beim Abziehen auf einem leicht hohlen Stein. Wenn der Stein gerade ist (und das sollte er sein!) kann man beim Abziehen schon duch eine abwechselnde Verlagerung des Schleifdruckes auf die beiden Ecken der Schneide die gewünschte Form erzielen. Ein mit einem solchen Eisen geschnittener sehr dünner Span ist bei genau sohlenparalleler Einstellung des Eisens an beiden Seiten erkennbar dünner (durchsichtiger) als in der Mitte, bei ganz dünnen Spänen wird die Spanbreite kleiner als die Eisenbreite.

Zwischen den Schnitten eines so abgezogenen Eisens treten nicht die feinen Stufen auf, die ein ganz gerade abgezogener Putzhobel hinterlässt und die man zwar kaum sehen, aber gut fühlen kann. Vielmehr erzeugt es eine Oberfläche, die haptisch (beim Anfassen) das Optimum darstellt.

Ein leicht bogenförmig abgezogenes Eisen hat aber noch einen ganz speziellen Vorteil:: Beim Abrichten von Kanten (beispielsweise zum Verleimen von Platten) kann durch seitliches Verschieben des Hobels ein gezielt keilförmiger Span erzeugt und so der Winkel sehr feinfühlig korrigiert werden. Hobel nach rechts: Span wird rechts dicker, links dünner. Hobel nach links: entsprechend. Hobel mittig: Span ist (annähernd) planparallel. Diese Variante der Schneidenform ist darum vor allem für die Rauhbank sehr nützlich.

Eisen an den Ecken verrundet Skizze 14: Eisen mit bogenförmig abgezogener Schneide, Winkelkorrekturen damit (weit übertrieben dargestellt!)


Wenn man die gerade Schneide beibehalten, aber beim Putzen einer Oberfläche die Stufenbildung vermeiden will, kann man die Schneide an den Ecken auch leicht verrunden oder anfasen. Das geht sehr einfach beim Abziehen von Hand.

So interessant die Möglichkeiten mit Varianten der Schneidenform auch sind- es wird normalerweise nicht gelingen, die angebrachten Formen eindeutig zu sehen zu sehen oder gar visuell in ihrer Größe zu beurteilen. Es ist einfach zu wenig (wenn man es mit bloßem Auge sieht, ist es schon viel zu viel!) und eine Sichtbarmachung mit Haarlineal, Fühlerblattlehren und Ähnlichem würde die Schneide viel zu schnell beschädigen. Wenn der Span den Effekt zeigt, ist es in Ordnung!

3. Die Schneide eines Stecheisens

3.1 Schnittvorgang am Stecheisen

Die Verhältnisse an der Stecheisenschneide sind ganz anders als am Hobel. Zwar sieht die Stecheisenschneide ganz genau wie eine Hobelschneide aus, aber es fehlt die Vorrichtung, die die Schneide in einem festen Winkel und auf gleichmäßige Spantiefe hält (der Hobel). Der Benutzer kann das Eisen mit der Hand unmöglich so führen, wie es ein Hobel tut. Es gibt drei Arten, wie das Stecheisen schneidet:

Schneidarten beim Stecheisen Skizze 15: 3 Arten, wie ein Stecheisen schneidet


Beim Stemmen arbeitet das Eisen wie ein Messer oder eine Axt und dringt soweit ein, bis es festklemmt. Fase und Spiegelseite wirken wie ein Keil. Dies ist der seltene Fall, wo auch der hintere Teil des Schnneidkeiles mit ins Geschehen eingreift. Ganz offenbar wird ein Eisen beim Stemmen tiefer eindringen, wenn sie Schneide sehr schlank ist, aber es verklemmt sich auch leichter. Eine dicke Klinge ist besser zum Spalten geeignet (siehe Spaltaxt), aber das ist normalerweise nicht die Aufgabe eines Stecheisens.

Wird dagegen ein dünner Span abgehoben, dann haben wir ganz andere Verhältnisse: Das Eisen gleitet im Normalfall auf der Spiegelseite (die Fase ist Spanfläche) oder in Sonderfällen auf der Fase (dann ist die Spiegelseite die Spanfläche). Am Schneidvorgang ist dann wieder nur der vorderste Teil des Schneidkeils beteiligt.

Bemerkenswert ist, dass in keinem Fall an der Schneide des Stecheisens ein Freiwinkel (der beim Hobel absolut erforderlich ist!) auftritt.

3.2 Einfluss verschiedener Formen der Fase am Stecheisen

Am Stecheisen können selbstverständlich alle in Skizze 6 gezeigten Formen der Fase ebenfalls auftreten. Sie beeinflussen aber das Verhalten anders, weil im Gegensatz zum Hobel die Fase das Werkstück berührt, wenn man stemmt oder das Eisen auf der Fase gleiten lässt.

Das bedeutet: Für den Fall "Gleiten auf der Fase" ist eine Beeinträchtigung der Gebrauchseigenschaften durch nicht gerade Fasen immerhin möglich, insbesondere könnte die Führung des Eisens schwieriger sein. Das ist allerdings nur eine Vermutung. Ich würde mich über einen echten Erfahrungsbericht von jemandem, der das systematisch ausprobiert hat, freuen.

Wenn eine hohl vorgeschliffene Fase anschließend auf einem flachen Stein so abgezogen wird, dass nur ein hohler Bereich im mittleren Bereich der Fase zurückbleibt, ist ein so geschärftes Stecheisen sicher bei jeder Form der Benutzung einem mit gerader Fase gleichwertig.

3.3 Wie groß soll der Keilwinkel am Stecheisen sein?

Bei Stecheisen sind die Verhältnisse sehr einfach: Man kann man den Keilwinkel β frei wählen. Ein kleiner Keilwinkel ergibt einen leichten Schnitt, aber eine empfindliche Schneide, ein großer Keilwinkel entsprechend das Gegenteil. Der Winkel wird zweckmäßig zwischen 25° und 30° gewählt- eventuell noch etwas größer bei sehr großer Beanspruchung, beispielsweise Stemmarbeiten in astigem Hartholz.

3.4 Ziehender Schnitt am Stecheisen

Schrägstecheisen Skizze 16: Schrägstecheisen


Was unter 2.4 über ziehenden Schnitt am Hobel ausgeführt wurde, gilt natürlich auch für Stecheisen. Schrägstecheisen sind für leichte Putzarbeiten ganz ausgezeichnet zu brauchen. Sie haben einen wunderbar sauberen, schälenden Schnitt sogar quer zur Faser. Aber, wohlgemerkt, nur bei leichten Arbeiten und dünnen Spänen. Stemmen kann man damit nicht. Für einen Versuch lässt sich natürlich auch ein gerades Eisen umschleifen, aber das kann man guten Gewissens wohl nur jemandem empfehlen, der eine wassergekühlte Schleifmaschine hat.

3.5 Hohle Spiegelseite bei japanischen Stecheisen

Japanische Stecheisen haben ebenfalls eine flach- hohle Spiegelseite mit der beschriebenen leichteren Abziehbarkeit (s. unter 2.6), die angesichts des extrem harten Stahles auch durchaus zu begrüßen ist. Auch hier muss versucht werden, beim Schärfen den geringen Abtrag an der Spiegelseite und den größeren an der Fase so aufeinander abzustimmen, dass die Höhlung lange erhalten bleibt. Ein Wiederherstellen der Höhlung wie bei Hobeleisen ist wegen der größeren Dicke der Stecheisen nicht möglich.

Bei der Anwendung dieser traditionellen japanischen Stecheisen stellt man fest, dass durch die hohle Spiegelseite die Führung breiter Eisen auf schmalen Werkstücken in der Position "Spiegelseite unten" (Skizze 15, Mitte) nicht sehr gut ist, zumindestens sind die Eisen dabei auch auf Grund der die Führung eher erschwerenden Kürze ihrer Klingen etwas gewöhnungsbedürftig.

4. Zusammenfassung

Diese kleine Abhandlung soll den Anwendern (5) von Hobeln und Stecheisen einige Kenntnisse vermitteln, die ihnen helfen, Werkzeugschneiden so zu schärfen, dass optimale Arbeitsergebnisse erreicht werden können. Sie soll aber auch zeigen, dass es sich lohnt, auch einmal andere Werkzeuge oder gezielte Änderungen an den Schneiden vorhandener Werkzeuge auszuprobieren.

Jeder sollte seine Erfahrungen selbst machen, und nicht bei jedem funktioniert dasselbe gleich gut. Wer aber einige Grundlagenkenntnisse hat (beispielsweise weiss, wie eine Schneide überhaupt funktioniert), der kann doch mindestens einige frustrierende Erfahrungen von vornherein vermeiden und seine Erfolgsaussichten verbessern, wenn er etwas Neues versucht.

Das Gefühl. etwas jetzt besser zu können als vorher, etwas jetzt besser zu verstehen und eine Arbeit in Zukunft besser oder leichter tun zu können- das ist etwas sehr Schönes. Besonders, wenn man sich gegenseitig dazu verhilft. In diesem Sinne würde ich mich auch freuen, von Lesern Anregungen, Widersprüche und vor allem die Schilderung eigener Erfahrungen zu bekommen.


(1) Diese Bezeichnung entstammt meines Wissens keiner Norm, es kann daher sein, dass anderswo andere Bezeichnungen für diesen Winkel verwendet werden. Zurück zur Quelle dieser Fußnote

(2) Diese Annahme erklärt, warum ich zu anderen Schlussfolgerungen bei der Beurteilung von Fasenformen komme als T. Odate. Zurück

(3) Gemeint sind die Eisen, die für die traditionellen japanischen Hobel, die auf Zug arbeiten, bestimmt sind. Es gibt auch laminierte Eisen japanischer Hersteller für westliche Hobel, diese haben die übliche plane Spiegelseite Zurück

(4) Toshio Odate: Die Werkzeuge des japanischen Schreiners. Otto Maier Verlag Ravensburg Zurück

(5) Dieser Text tut hier und auch sonst so, als ginge es nur um Männer: "Der" Anwender, "Jeder" usw. Dabei ist sicher: Frauen können es auch. Eine sprachliche Form, die Männer und Frauen einschließt, aber noch kurz und sprachlich erträglich ist, habe ich aber noch nicht gefunden. Ich bitte um Nachsicht. Zurück

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