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Reinhold Ege:

Drechselwerkzeuge schärfen.

Schleifen des schrägen Flachmeißels:

Der Schräge Meißel (engl Skew , korrekt skewed chisel) ist das universellste Werkzeug für den Drechsler beim Arbeiten mit Langholz. Leider ist der Umgang mit dem schrägen Meißel nicht ganz einfach zu erlernen, man muss viel, viel üben, und trotzdem passiert es immer wieder, dass der schräge Meißel festfrißt, ins Holz ratscht und ausser einem Schreck beim Drechsler auch noch ein ruiniertes Werkstück hinterläßt.

Nicht immer, aber sehr oft ist die letztendliche Ursache dafür ein falscher Anschliff oder eine stumpfe Schneide. Ein schräger Meißel muss absolut scharf sein. Ich teste meine Meißel nach dem Abziehen an meinem Unterarm : sie müssen die Haare schneiden wie ein Rasiermesser.

Ein Meißel, der auch nur ein bißchen stumpf ist, verführt den Drechsler dazu, mit Kraft zu arbeiten. Und dann ist ein "Schlag" unvermeidlich. Beim Drechseln soll die Kraft von der Maschine kommen, der Drechsler dirigiert das Werkzeug nur und präsentiert die Schneide im richtigen Winkel zum Holz. Also sofort nachschärfen, wenn Sie das Gefühl haben, Sie müßten Kraft anwenden, um das Werkzeug im Holz zu halten!

FaseDadurch, dass die Schneide gegen die Werkzeugachse schräg verläuft, bilden sich zwei Spitzen heraus : die lange Spitze und die kurze Spitze. Die lange Spitze bildet zur Seite des Werkzeugs einen Winkel von 70 Grad, die kurze von 110 Grad. Der Winkel von 70 Grad an der langen Spitze ist einigermaßen kritisch und sollte eingehalten werden, wobei die Meßgenauigkeit eines Geo-Dreiecks oder einer selbstgebastelten Schablone aus Karton ausreicht. Die kurze Spitze ist nicht so empfindlich, manche Drechsler verziehen die kurze Spitze sogar bogenförmig.

Der Querschnitt des schrägen Meißels ist rechteckig, er sollte nicht zu dünn sein, sonst flattert der Meißel. Ca 6 - 8 mm Dicke , je nach Breite des Meißels, dürften gut sein. Ich halte nicht viel von Ovalmeißeln, sie gleiten zwar gut beim Schneiden mit der kurzen Spitze, aber sie sind instabil beim Abstechen mit der langen Spitze und beim Glätten von Hirnholz.

Der schräge Meißel wird grundsätzlich nur schneidend und schälend eingesetzt, niemals schabend. Zum Schlichten , Glätten und Formen wird der Bereich zwischen der Mitte der Schneide und der kurzen Spitze benutzt, niemals die kurze Spitze selbst, Sie riskieren sonst einen Schlag. Den Schlag erhalten Sie todsicher, wenn Sie versuchen mit dem Bereich zwischen Mitte und langer Spitze zu drechseln. Erfahrene Drechsler kennen da ein paar Ausnahmen.....

Die lange Spitze dient zum Einstechen, zum Herstellen einer Kerbe und zum Abstechen und Glätten von Hirnholzflächen, z.B. bei Enden oder bei Schultern.

Die folgenden Zeichnungen von Mike Darlow zeigen die Verwendung der langen Spitze beim Drechseln einer Schulter. Das Bild links zeigt, wie die Fase der langen Spitze am Holz anliegt und verhindert, dass die Spitze frißt - nur die Spitze schneidet - eine absolut sichere Werkzeugführung. Die Abbildung entspricht ungefähr dem Blick von oben, den der Drechsler bei seiner Arbeit hat. Das Bild in der Mitte zeigt den gleichen Vorgang vom Reitstock aus gesehen. Es ist gut sichtbar, dass nur die Spitze schneidet und die lange Kante unmittelbar an der Spitze das Werkzeug abstützt, also einen Hebelpunkt bildet. Die Spitze kann also nicht in das Holz hineingezogen werden.

Das Bild rechts ist von der anderen (hinteren) Seite der Drehbank aus gesehen. Sehr gut erkennbar ist der Freiwinkel (engl: clearance angle), der durch die Schräge der Meißelschneide entsteht.

Wenn der schräge Meißel mit der langen Kante flach auf der Handauflage aufliegt UND die Kante der Fase an der langen Spitze am Holz anliegt, dann wird sich immer die Schneide des schrägen Meißels vom Holz weg neigen. Wenn Sie das verstanden haben, können Sie mit größtem Vertrauen Hirnholz rechtwinklig abstechen - Sie werden niemals hängen bleiben oder einen Schlag erhalten. Voraussetzung ist, dass der Winkel von 70 Grad an der langen Spitze sauber angeschliffen ist. Ist der Schrägwinkel grösser als 70 Grad, dann wird der Freiwinkel kleiner und die Gefahr eines Schlages droht. Ist der Winkel kleiner als 70 Grad, dann wird der Freiwinkel zu gross und Sie bekommen keinen sauberen Schnitt mehr.

Der Keilwinkel der Schneide beträgt ca. 30 Grad. Da die Schneide nach beiden Seiten symmetrisch geschliffen ist, beträgt der Winkel zur Werkzeugachse die Hälfte, also ca. 15 Grad. Bei hartem Holz können Sie einen Keilwinkel von 35 Grad anschleifen. Meine schottischen Bekannten, die Dudelsackbauer, die überwiegend Grenadill (african blackwood) drechseln, arbeiten mit einem Keilwinkel von 45 Grad ! Bei weichen Hölzern können Sie auf 27 Grad gehen.

Wichtig ist dass Sie den Schrägwinkel von 70 Grad einhalten (siehe oben) und die Schneide genau symmetrisch schleifen. Wenn die Schneide nicht symmetrisch ist, können Sie nicht gleichmässig nach rechts und links arbeiten, das Verhalten des Werkzeugs ist nicht mehr vorhersehbar und nicht mehr kontrollierbar, Sie werden verunsichert und erhalten mehr Schläge.

Und nun zum Schleifen:

Kontrollieren Sie als Erstes den Schrägwinkel. Er muss 70 Grad betragen!

Die Fase schleifen Sie an einem Doppelschleifer mit einem Scheibendurchmesser von 200 mm oder mehr. Auch Naßschleifer gehen ganz gut. Absolut falsch wäre ein balliger Schliff wie auf der Zeichnung links. Die glatte, im Schnitt geradlinige Fase wie in der Mitte ist korrekt, aber ausserordentlich schwierig zu schleifen. Die meisten Drechlser schleifen einen leichten Hohlschliff wie auf der Zeichnung rechts. Beachten Sie, dass die eigentliche Schnittkante NICHT geschliffen wird, der Hohlschliff endet dicht vor der Schneide.

Halten Sie den Schrägmeißel mit dem Heft nach links oder rechts, sodass der Schrägwinkel von 70 Grad eingehalten wird. Fassen Sie die Klinge zwischen Daumen und Zeigefinger, nehmen Sie die Auflage als Hilfe und lassen Sie die Fase auf der Schleifscheibe schleifen. Das erfordert Übung, weil Sie ja nicht sehen, was Sie tun. Sie können selbstverständlich das Schleifen unterbrechen und sich die bereits geschliffene Fase anschauen, aber Sie werden nie wieder den Stahl in die gleiche Position auf der Scheibe zurückbringen können. Sie können den Funkenflug auf der Scheibe beobachten - einige Funken scheinen immer zu kleben und fliegen mit der Scheibe mit. Wenn diese Funken über den Rand Ihrer Schneide "klettern", haben Sie zuviel weggeschliffen. Sie sollten kurz vorher aufhören.

Zum Glück lernt man das schneller, als man glaubt. Wenn Sie erst mal den ersten Zentimeter weggeschliffen haben, dann können Sie es. Schleifen Sie beide Fasen gleichmässig. Absolut gleichmässig !

FaseAchten Sie darauf, dass die eigentliche Schneide gerade verläuft und nicht wellig wird. Nach dem Schleifen, ziehen Sie die Schneide ab. Ich benutze dazu einen japanischen Wasserstein Körnung 1000.

Stützen Sie den Schrägmeißel gegen ein geeignetes Widerlager. Ich nehme dazu den Reitstock und drücke den Meißel mit der linken Hand gegen die Feststellschraube der Pinole. Den Wasserstein halte ich rechts und drücke ihn beim Schleifen so gegen die Fase, dass er auf der Schneide und auf dem Übergang von der Fase zum glatten Teil des Werkzeugs aufliegt. Er berührt also die Fase nur an zwei Punkten. Ich schleife dabei nur soviel, dass die Schneide korrekt scharf wird. Abwechselnd auf beiden Fasen bis der "Faden" weg ist. Übrigens ist das keine individuelle Eigenart von mir - Drechsler halten traditionell das Werkzeug fest und bewegen den Schleifstein, während Schreiner beim Abziehen das Werkzeug bewegen und der Stein ruhig liegt. Im Gegensatz zu Schnitzeisen oder Hobeln werden Flachmeißel nicht gehont. Die Oberfläche, die der 1000er Stein hinterläßt, ist glatt genug. Wenn später das Werkzeug wieder stumpf wird, brauche ich es nur auf die gleiche Weise abzuziehen, solange, bis der Hohlschliff "aufgebraucht" ist. Erst dann muss ich neu auf die Schleifmaschine. Normalerweise reichen 4 oder 5 Striche mit dem Stein, um das Werkzeug wieder aufzufrischen.

Noch ein paar Tips aus meiner Praxis:

Seitdem mir einmal die Werkstatt infolge Funkenflugs beinahe abgebrannt ist, benutze ich nicht mehr den Doppelschleifer. Ich habe eine kleine Welle hergerichtet mit einem 15 cm -Schleifstein für HSS, die in die Drehbankspindel paßt und vom Reitstock gestützt wird. Ich lasse diesen Stein langsam laufen ( ca 450 Umdr. je min) , verwende die Handauflage und schleife ohne Erhitzen und ohne Funkenflug die Werkzeuge. Der Hohlschliff wird durch den geringen Schleifsteindurchmesser ein bißchen tief, aber das kann man steuern, indem zwei flache Hohlschliffe parallel gelegt werden. Danach abziehen wie immer. Vorteil : kein Erhitzen der Schneide und keine Feuergefahr für die Werkstatt. Und es geht überraschend schnell. Nachteil: Man muss unter Umständen das Werkstück ausspannen.

Ich kenne auch einen Drechsler, der auf einem Bandschleifer eine überraschend gute flache Fase anschleift. Allerdings geht dabei eine Menge wertvolles Metall verloren, weil der Bandschleifer ziemlich schnell ziemlich viel Material entfernt.

Es ist durchaus empfehlenswert, am Ende der Fase auf der Seite der kurzen Spitze die scharfe Kante abzurunden (siehe Skizze). Bei manchen Drechselvorgängen schleift dieses "Eck" auf dem Werkstück und erzeugt Kratzer. Eine abgerundete Kante vermeidet das.

Wenn ich mit dem Abziehen fertig bin, ziehe ich den Stein zwei-dreimal über jede Kante des Meißels um die Kante etwas zu brechen und zu glätten.. Im neuen Zustand sind diese Kanten sehr scharfkantig und können schon mal eine Kerbe in die Handauflage drücken oder sie können selbst eine Kerbe erhalten. Abgezogen gleiten sie besser.

Ob Ihre schrägen Meißel aus Werkzeugstahl oder HSS sind, ist aus der Sicht des Schleifens fast belanglos. Es gelten die üblichen Unterschiede hinsichtlich Härte und Widerstand gegen Erhitzen. Sie sollte auf jeden Fall einen geeigneten Schleifstein für Ihre Maschine auswählen.

Warnen möchte ich vor der Verwendung von alten Feilen als Rohmaterial für schräge Meißel. Diese Empfehlung stammt aus einer Zeit, als gute Werkzeugstähle sehr teuer waren und HSS noch gar nicht erfunden. Die damaligen Handwerker mußten sich mit dem behelfen, was sie auftreiben konnten. Und bei den damaligen geringen Umdrehungszahlen der fußgetriebenen Drehbänke mag eine Feile als Rohmaterial für einen Drehstahl auch durchaus möglich gewesen sein. Heute ist es lebensgefährlich! Die Feilen sind spröde und können leicht brechen, wobei die Bruchstücke durch das drehende Holz erfaßt und in die Werkstatt geschleudert werden können. Sie haben genug Energie, um den Drechsler tödlich zu verletzen!!! Darum Hände weg von Feilen!

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